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Für Versender

Lagerstrategie — Zentrallager, Regionallager oder gar kein Lager?

Lesezeit ca. 4 Minuten

Im vorherigen Beitrag ging es darum, die Supply Chain als Ganzes zu denken — von der Beschaffung über das Lager bis zum Kunden. In diesem Beitrag gehe ich tiefer in eine der Entscheidungen, die dabei am meisten unterschätzt wird: Wo lagere ich — und muss ich überhaupt lagern?

Die meisten Gründer beantworten diese Frage reflexartig: Ich brauche ein Lager, also miete ich eins. Aber Lager ist kein Selbstzweck. Es ist ein Werkzeug — und wie bei jedem Werkzeug kommt es darauf an, ob es zum Problem passt.

Ein Lager ist keine Lösung. Es ist eine von mehreren Möglichkeiten.

Drei Wege, die sich grundsätzlich unterscheiden

Zentrallager. Alle Ware kommt an einen Standort, alles geht von dort raus. Einfach in der Steuerung, übersichtlich im Bestand. Aber: Jeder Kunde in Deutschland wird von diesem einen Punkt aus beliefert. Je weiter der Empfänger entfernt ist, desto teurer und länger wird die letzte Meile.

Mehrere Standorte. Die Ware wird auf regionale Lager verteilt, die Zustellung erfolgt aus der Nähe des Empfängers. Kürzere Wege, niedrigere Zustellkosten, schnellere Lieferzeiten. Aber: Mehr Komplexität, mehr Bestandssteuerung, mehr Koordination. Das lohnt sich erst ab einem gewissen Volumen — und es braucht Partner, die diese Standorte betreiben können.

Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt das Beispiel aus dem Supply-Chain-Beitrag: Ein schwedischer Onlinehändler liefert in der Nebensaison alles über ein Zentrallager. Sobald das Volumen steigt und die LKWs zu regionalen Hubs voll werden, lohnt sich die Aufteilung — mehr Strecke auf einem normalen LKW, weniger teure letzte Meile mit Stapler. Das Modell wechselt mit dem Bedarf — weil die Struktur von Anfang an flexibel angelegt ist.

Und manchmal ist der richtige Schritt auch einfach ein Lager dort, wo der Kunde sitzt. Wenn Sie einen großen Abnehmer in einem bestimmten Land haben und Ihre Ware ohnehin per Container aus Übersee kommt — warum den Umweg über Ihr Hauptlager nehmen? Lassen Sie den Container direkt ins Zielland liefern und nutzen Sie dort ein Lager, das die Verteilung übernimmt.

Direktlieferung ab Werk. Die Ware geht direkt vom Hersteller oder Lieferanten an den Endkunden. Kein Zwischenlager, kein Umschlag. Das spart Handling und Lagerkosten — ist aber nur möglich, wenn die Lieferkette das hergibt und die Ware nicht erst konfektioniert oder kommissioniert werden muss.

Die Frage ist nicht: Wo stelle ich mein Lager hin? Die Frage ist: Welche Aufgabe soll das Lager erfüllen?

Was ein Lager wirklich kostet

Die Miete ist der offensichtliche Posten. Aber ein Lager kostet mehr als Quadratmeter. Es kostet Einlagerung, Auslagerung, Handling, Bestandsführung, Personal. Und es kostet den Transport — denn jede Ware, die im Lager ankommt, muss dort auch wieder raus. Das sind zwei Transporte statt einem.

Wer Ware per Container aus Übersee bezieht, sie im Lager einlagert und dann an den Kunden verschickt, bezahlt: Seetransport, Verzollung, Inlandstransport zum Lager, Einlagerung, Auslagerung, Zustellung an den Kunden. Das sind sechs Kostenpositionen, und jede einzelne steht auf der Rechnung.

Manchmal ist das der richtige Weg. Aber manchmal gibt es einen kürzeren.

Ein Lager spart nicht automatisch Geld. Es erzeugt Kosten — die sich lohnen müssen.

Wenn der kürzeste Weg am Lager vorbeiführt

Einer meiner Kunden hat ein Lager in Spanien und bezieht seine Ware per Seecontainer aus Übersee. Jetzt standen zwei Auslieferungen an — jeweils rund zwei LKW-Ladungen nach Gran Canaria und Teneriffa.

Sein erster Gedanke war naheliegend: Container in Spanien anlanden, ins Lager fahren, dort einlagern, dann mit vier LKWs über die Fähre auf die Inseln bringen.

Das Problem: In seinem Lager gibt es keine Möglichkeit, Container transportsicher zu stauen — also die Ware mit Luftpolstersäcken und Sicherungsmaterial so im Container zu verpacken, dass sie den Seeweg übersteht. Das bedeutete: Die Ware hätte per LKW und Fähre auf die Inseln gemusst. Das ist bei zwei Inseln und vier LKWs eine extrem teure Lösung.

Mein Vorschlag war ein anderer: Die Container aus Übersee nicht nach Spanien ins Lager fahren, sondern direkt auf die zwei Inseln verschiffen. Dort übernimmt ein Partner von mir die Entladung und die Zustellung.

Das spart den kompletten Umweg über das Lager — keine Einlagerung, keine Auslagerung, kein Nachlauf per LKW und Fähre. Der natürliche Vorlauf der Seecontainer — also der Seeweg, der sowieso stattfindet — wird gleichzeitig zum Hauptlauf für die Auslieferung. Weniger Handling, weniger Kosten, gleicher Zeitrahmen.

Worauf es bei der Wahl ankommt

Die richtige Lagerstrategie hängt von Ihrem Geschäftsmodell ab — nicht von einer Faustregel.

Wie oft bestellen Ihre Kunden? Wenn Sie täglich Ware rausschicken, brauchen Sie einen Standort mit schnellen Abläufen. Wenn Sie einmal im Monat eine Großlieferung machen, reicht vielleicht ein einfacher Umschlag.

Wo sitzen Ihre Kunden? Wenn 80 Prozent Ihrer Kunden in Süddeutschland sitzen, macht ein Lager in Hamburg keinen Sinn — auch wenn die Miete dort günstiger ist.

Wie kommt die Ware zu Ihnen? Wenn Sie per Seecontainer importieren, brauchen Sie einen Standort, an dem Container entladen werden können. Wenn Ihre Ware per Stückgut aus dem Inland kommt, reicht eine einfache Anlieferung.

Muss die Ware bearbeitet werden? Konfektionierung, Etikettierung, Qualitätsprüfung — all das braucht Platz, Personal und Prozesse. Ein reines Durchgangslager reicht dann nicht.

Und die wichtigste Frage: Ist das Lager überhaupt nötig — oder gibt es einen Weg, der kürzer ist?

Denken Sie vom Warenfluss her

Nicht vom Gebäude. Nicht von der Miete. Nicht von der Postleitzahl. Sondern davon, wie Ihre Ware fließt — von der Quelle bis zum Kunden. Wenn Sie diesen Fluss verstanden haben, ergibt sich die Antwort auf die Lagerfrage oft von selbst.

Und wenn Sie merken, dass die Antwort nicht offensichtlich ist: Dann ist das genau der Punkt, an dem ein Gespräch mehr bringt als ein Mietvertrag.

Manchmal ist die beste Lagerstrategie: gar kein Lager.
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