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Für Versender

Supply Chain von Anfang an denken

Lesezeit ca. 4 Minuten

Die meisten Gründer denken bei Logistik an den letzten Schritt: Die Ware muss zum Kunden. Aber der Versand an den Kunden ist nur das Ende einer Kette — und wenn diese Kette nicht von Anfang an durchdacht ist, merken Sie es spätestens dann, wenn etwas nicht funktioniert.

Die Frage lautet nicht: Wie verschicke ich mein Produkt? Die Frage lautet: Wie kommt die Ware zu mir, was passiert dazwischen, und wie kommt sie zum Kunden?

Logistik beginnt nicht beim Versand. Sie beginnt bei der Beschaffung.

Wie kommt die Ware zu mir?

Bevor Sie etwas verschicken können, muss die Ware bei Ihnen ankommen. Das klingt banal — ist aber der Teil der Kette, den die meisten Gründer am wenigsten durchdacht haben.

Produzieren Sie selbst, beziehen Sie Rohstoffe oder fertige Produkte? Kommt die Ware aus Deutschland, aus der EU oder aus einem Drittland? Kommt sie per Stückgut, per Komplettladung oder per Seecontainer?

Jede dieser Antworten hat direkte Auswirkungen auf Ihre Kosten, Ihre Lieferzeiten und Ihr Risiko. Wer Ware aus China bezieht, muss mit Seefrachtlaufzeiten von sechs bis acht Wochen rechnen — plus Verzollung, Einfuhrumsatzsteuer und Inlandstransport vom Hafen zu Ihrem Standort. Wer das nicht einkalkuliert, steht irgendwann mit leerem Lager da, weil die Nachbestellung unterwegs ist und der Container gerade in Hamburg auf Zollfreigabe wartet.

Und selbst innerhalb Deutschlands gibt es Unterschiede, die man kennen muss. Eine Komplettladung ab Werk ist anders getaktet als Stückgut über ein Netzwerk. Die Laufzeiten sind andere, die Kosten sind andere, die Risiken sind andere. Wie ein Stückgut-Netzwerk im Detail funktioniert und was auf dem Weg mit Ihrer Palette passiert, habe ich in einem eigenen Beitrag beschrieben.

Wer seine Beschaffung nicht versteht, kann seinen Versand nicht planen.

Wo und wie lagere ich?

Die Ware ist da. Jetzt muss sie irgendwo hin — und hier treffen Gründer eine der teuersten Entscheidungen, oft ohne es zu merken.

Am Anfang lagern viele in der eigenen Garage, im Keller oder in einem angemieteten Raum. Das funktioniert, solange die Mengen überschaubar sind. Aber Lager ist nicht gleich Lager. Die entscheidende Frage ist nicht, wo die Ware steht — sondern wie sie dort reinkommt und wieder rausgeht.

Können Sie mit einem LKW anliefern lassen, oder geht nur ein Kleintransporter durch die Einfahrt? Haben Sie eine Laderampe, oder muss die Ware ebenerdig abgeladen werden — und brauchen Sie dafür einen Mitnahmestapler? Wie schnell kommen Sie an die Ware ran, wenn ein Auftrag reinkommt? Und was passiert, wenn Ihre Mengen wachsen — passt das noch, oder müssen Sie umziehen?

Wer am Anfang nicht darüber nachdenkt, wie die Ware ins Lager kommt und wieder rausgeht, baut sich einen Engpass, der mit jedem Wachstumsschritt enger wird. Ein Lager, das bei zehn Paletten funktioniert, kann bei fünfzig zum Problem werden — nicht wegen der Fläche, sondern wegen der Abläufe.

Das beste Lager nützt nichts, wenn der LKW nicht rankommt.

Wie kommt die Ware zum Kunden?

Erst jetzt sind wir bei dem Thema, mit dem die meisten Gründer anfangen: der Versand an den Kunden. Aber wenn Sie die ersten beiden Schritte durchdacht haben, sieht die Antwort auf diese Frage oft anders aus als erwartet.

Denn der richtige Versandweg hängt nicht nur davon ab, wie groß oder schwer Ihre Ware ist. Er hängt davon ab, wer Ihr Kunde ist und was er bei der Anlieferung erwartet.

Ein Geschäftskunde mit Laderampe und festen Anlieferzeiten ist eine völlig andere Aufgabe als ein Endkunde, der tagsüber nicht zu Hause ist. Ein Händler, der wöchentlich Ware abnimmt, braucht einen anderen Rhythmus als ein Einzelauftrag auf eine Messe. Und eine empfindliche Maschine auf Palette braucht einen anderen Transportweg als ein robustes Standardprodukt im Karton.

Was viele Gründer unterschätzen: Die Wahl des Versandwegs wirkt zurück auf die gesamte Kette. Wenn Sie über Stückgut versenden, wird Ihre Palette unterwegs mehrfach umgeschlagen. Das hat Auswirkungen auf die Verpackung — sie muss deutlich stabiler sein als bei einer Direktfahrt. Wenn Sie per Spedition an einen Empfänger ohne Rampe liefern, brauchen Sie einen LKW mit Mitnahmestapler oder Hebebühne. Und wenn Sie eine Lieferzeit versprechen, müssen Sie wissen, wie lange der Weg tatsächlich dauert — inklusive Lenk- und Ruhezeiten des Fahrers.

Der Versandweg bestimmt die Verpackung, die Kosten und das Kundenerlebnis. Nicht umgekehrt.

Alles hängt zusammen

Das ist der Punkt, den die meisten Gründer zu spät verstehen: Beschaffung, Lager und Versand sind keine drei getrennten Themen. Sie sind eine Kette. Und jede Entscheidung in einem Teil der Kette wirkt sich auf die anderen aus.

Wer seine Ware per Seecontainer aus Asien bezieht, braucht mehr Lagerfläche — weil die Ware in großen Mengen kommt und über Wochen abverkauft wird. Wer an Geschäftskunden mit festen Zeitfenstern liefert, muss seine Lagerlogistik so aufstellen, dass die Ware pünktlich rausgeht. Wer empfindliche Produkte verkauft, muss die Verpackung nicht nur für den Versand an den Kunden auslegen, sondern auch für den Weg von der Fabrik ins eigene Lager.

Und die Kette ist nicht statisch. Sie verändert sich — mit dem Volumen, mit der Saison, mit dem Wachstum.

Wenn die Kette sich mit der Saison verändert

Einer meiner Kunden ist ein schwedischer Onlinehändler für Garten- und Gewächshäuser. Außerhalb der Saison liefert er seine Ware mit einem LKW bei mir im Umschlagslager an. Ich verteile sie von dort mit Mitnahmestapler in ganz Deutschland. Das funktioniert, weil das Volumen überschaubar ist und alles auf einen LKW passt.

Sobald die Saison losgeht, verdoppelt bis verdreifacht sich das Volumen. Ausliefern könnte man das auch weiterhin zentral. Aber die Zustellung mit Mitnahmestapler ist der teuerste Teil der Kette — jeder Kilometer auf der letzten Meile zählt.

Wenn das Volumen hoch genug ist, dass die LKWs zu regionalen Hubs voll werden, lohnt sich die Aufteilung: mehr Strecke auf einem normalen LKW, weniger Strecke mit dem teuren Stapler. Also teilt der Kunde die Ware bereits in Schweden auf — Ware für Ostdeutschland geht direkt an einen Partner im Osten. Ware fürs Ruhrgebiet kommt zu mir. Ware für Süddeutschland geht an einen Partner im Süden.

Nach der Saison fahren wir das Ganze wieder zurück auf ein Lager, einen Standort, einen LKW. Bis zum nächsten Frühjahr.

Gleichzeitig ist das saisonale Modell ein Vorgriff auf das, was kommt. Der Kunde rechnet damit, sein Gesamtvolumen in Deutschland in diesem Jahr zu verdoppeln — nicht nur saisonal, sondern dauerhaft. Wenn das eintritt, wird aus der Saisonlösung die Regelstruktur: mehrere regionale Anlaufstellen, kurze letzte Meile, das ganze Jahr über. Was heute die Antwort auf die Hochphase ist, wird morgen die permanente Distribution.

Das funktioniert — aber nur, weil die Struktur von Anfang an flexibel angelegt ist. Wir müssen nichts Neues erfinden, wenn das Volumen steigt. Wir müssen nur hochskalieren, was bereits da ist. Und weil ich Partner habe, die ich dazuschalten kann, ohne jedes Mal von vorne anzufangen. Wer seine Supply Chain starr aufbaut, zahlt entweder das ganze Jahr über zu viel — oder kommt in der Hochphase nicht hinterher.

Fangen Sie von hinten an

Das klingt widersprüchlich, aber es ist der beste Einstieg: Beginnen Sie beim Kunden. Was erwartet Ihr Kunde bei der Anlieferung? Welche Lieferzeit haben Sie versprochen? Was darf auf dem Weg nicht passieren?

Und arbeiten Sie sich dann rückwärts durch die Kette: Welcher Versandweg passt dazu? Was muss im Lager passieren, damit die Ware rechtzeitig rausgeht? Und wie muss die Beschaffung getaktet sein, damit das Lager nie leer ist — aber auch nicht überläuft?

Wenn Sie dabei merken, dass Ihnen Antworten fehlen: Das ist der richtige Moment für ein Gespräch mit jemandem, der die Kette kennt.

Eine gute Supply Chain ist keine feste Struktur. Sie ist ein System, das sich anpassen kann.
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