+49 151 25149704 Audioguide Kundenportal Kontakt
Für Versender

Import aus dem Drittland — was zwischen Bestellung und Lager wirklich passiert

Lesezeit ca. 5 Minuten

Im vorherigen Beitrag ging es um Incoterms — also darum, wer welchen Teil der Lieferkette bezahlt und wer das Risiko trägt. In diesem Beitrag geht es um die Praxis: Was passiert eigentlich, wenn Sie als Gründer zum ersten Mal Ware aus Übersee oder einem Drittland importieren?

Vorweg: Import funktioniert in der Regel gut. Die Container kommen an, die Verzollung läuft, die Ware ist da. Aber ein paarmal im Jahr geht etwas schief — und dann wird es teuer. Nicht weil Import grundsätzlich riskant ist, sondern weil die meisten Importeure nicht wissen, welche Risiken sie tragen. Und keine Seefrachtspedition wird Ihnen das von sich aus erklären. Die gehen davon aus, dass Sie das alles wissen.

Genau deshalb gehört das Thema in diese Reihe. Und genau deshalb ist die Wahl des richtigen Logistikpartners so entscheidend — einer, der Sie darauf vorbereitet, statt Ihnen nur einen Preis zu schicken.

Import funktioniert meistens reibungslos. Aber wenn es schiefgeht, müssen Sie vorher wissen, was das bedeutet — finanziell und zeitlich.

Bevor die Ware überhaupt losfahren kann

Wer importiert, braucht eine EORI-Nummer. Das ist Ihre Kennung gegenüber dem Zoll, ohne die geht nichts. Die Einfuhrumsatzsteuer und eventuelle Zollgebühren müssen bezahlt sein, bevor die Ware aus dem Hafen geholt werden kann. Wer kein Zollkonto hat, zahlt im Voraus — und das kann bei mehreren Containern eine erhebliche Summe sein, die erst einmal auf dem Tisch liegen muss.

Dazu kommen die Dokumente: Bill of Lading, Handelsrechnung, Packliste, je nach Ware Ursprungszeugnisse oder Konformitätserklärungen. Wenn hier etwas fehlt oder falsch ausgestellt ist, steht die Ware im Hafen — und jeder Tag kostet Geld.

Ich hatte einen Fall, in dem ein Zollamt auf einmal diverse Herstellerdokumente aus der Türkei offiziell ins Deutsche übersetzt haben wollte — mit Stempel und Beglaubigung. Das kostet Zeit und Geld, und niemand hatte damit gerechnet.

Falsche Papiere, fehlende Dokumente, ein falsch eröffnetes T1 — das alles stoppt den Warenfluss. Und die Uhr läuft weiter.

Was auf dem Seeweg passieren kann

Der Seeweg funktioniert in den allermeisten Fällen problemlos. Aber zwei Dinge sind weniger planbar, als viele annehmen: der Preis und die Laufzeit.

Containerraten schwanken massiv. Während Corona sind die Preise von rund 1.000 Dollar pro Container auf 4.000 bis 5.000 Dollar gestiegen — teilweise über Nacht. Wer seinen Einkaufspreis knapp kalkuliert hat, steht dann vor einem Problem.

Die Laufzeiten schwanken genauso. Wenn Störungen auftreten wie die Blockade des Suezkanals, meiden viele Reedereien den Kanal und fahren um Afrika herum. Das verlängert die Laufzeit um Wochen. Dazu kommen überlastete Häfen — gefühlt kommt fast jedes Schiff, auf dem ich Container habe, mit mehreren Tagen Verspätung an.

Es kann auch passieren, dass ein Schiff überbucht ist und Container im Abgangshafen stehen bleiben. Oder dass Container an einem Zwischenhafen geparkt und auf ein anderes Schiff umgeladen werden. Mir ist das mit einem Container nach Irland passiert — die Ware war plötzlich in einem ganz anderen Hafen als geplant.

Und dann gibt es die Große Haverei. Wenn ein Schiff in Seenot gerät oder wie die Ever Given im Suezkanal feststeckt, haften alle Ladungsbeteiligten anteilig an den Bergungskosten. Das heißt: Ihr Container steht auf einem Schiff, das geborgen werden muss, und Sie zahlen mit. Das hat kein Gründer auf dem Schirm — aber es steht in den Transportbedingungen. Eine Transportversicherung deckt das ab, aber nur wenn Sie eine haben.

Seefracht ist der günstigste Weg für große Mengen. Aber kalkulieren Sie nicht nur den Normalfall — kalkulieren Sie auch den Ausnahmefall.

Was im Hafen passiert — und was es kosten kann

In der Regel holen Sie Ihre Container innerhalb der freien Standzeit ab und zahlen die normalen Hafenkosten — je nach Hafen zwischen 300 und 500 Euro pro Container. Das ist eingeplant und überschaubar.

Aber es gibt Situationen, in denen es teurer wird. Standgeld zum Beispiel: In der Regel haben Sie drei bis fünf Tage frei, danach zahlen Sie für jeden weiteren Tag. Und diese Tage laufen ab dem Moment, in dem der Container entladen wird — nicht ab dem Moment, in dem Sie davon erfahren.

Wenn ein Schiff Freitagabend um 23 Uhr ankommt und die Container noch vor Mitternacht entladen werden, läuft ab da die Standzeit. Im dümmsten Fall müssen Sie am Montag alle Container rausholen, um keine Kosten zu zahlen — und das an einem einzigen Tag zu organisieren ist nicht trivial.

Dann gibt es Zollbeschauen. Der Zoll kann Container zur Durchleuchtung oder zur physischen Beschau auswählen. Dafür muss der Container entladen werden — im Hafen, auf Ihre Kosten. Wenn der Container mit Pestiziden behandelt wurde, muss er erst entlüftet werden, bevor die Beschau überhaupt stattfinden kann.

Ich habe einen Fall erlebt, in dem zehn Container im Hafen standen und acht davon eine Zollbeschau bekommen haben. Das hat sich über eine Woche hingezogen — am Ende waren es über 10.000 Euro an zusätzlichen Kosten. Und weil eine Zollbeschau eine hoheitliche Maßnahme ist, zahlt das keine Versicherung.

Genauso unangenehm: Wenn ein Bill of Lading zwölf Container umfasst und zwei davon eine Beschau bekommen, bleiben alle zwölf im Hafen. Standgeldkosten laufen auf alle zwölf — nicht nur auf die zwei, die kontrolliert werden.

Wenn ein Hafen streikt oder keine LKWs verfügbar sind, zahlen Sie genauso Standgeld — obwohl Sie die Container gar nicht rausholen können. 2021 standen Container in England drei bis vier Wochen im Hafen, weil schlicht keine LKWs da waren. Am Ende hat der Kunde das Vierfache für den Nachlauf bezahlt, damit überhaupt jemand die Container rausgeholt hat.

Standgeld läuft ab dem Moment, in dem der Container entladen wird. Und es läuft weiter — egal ob Sie etwas dafür können oder nicht.

Der Weg vom Hafen zum Lager

Der Container ist raus aus dem Hafen. Jetzt muss er zu Ihnen. Das ist in der Regel der unkomplizierteste Teil — aber ein paar Dinge sollten Sie wissen.

Ein Standardcontainer kann theoretisch 26 bis 27 Tonnen geladen werden. Aber wie weit der LKW damit fahren darf, hängt vom Gewicht ab: In Deutschland gilt die 44-Tonnen-Regelung nur im Umkreis von 150 Kilometern Luftlinie vom nächsten Seehafen. Danach sind es 40 Tonnen — und das kann bedeuten, dass der Container entweder leichter beladen oder auf einen anderen Transportweg umgeschlagen werden muss.

Alternativen gibt es: Binnenschiff oder Bahn bringen den Container näher an den Bestimmungsort, ohne Gewichtsbeschränkung auf der Straße. Aber das kostet Zeit. Von Hamburg nach Minden — 230 Kilometer Straße — dauert es per Binnenschiff fast eine Woche.

Und wenn es schnell gehen muss oder Container im Hafen feststecken, bleibt als Notlösung der konventionelle LKW-Transport: Ware nicht im Container verschiffen, sondern direkt auf den LKW laden und über die Straße fahren. Das geht schneller und ist flexibler — kostet aber das Drei- bis Vierfache des Containerpreises per See. Bei Ware aus Asien ist das ohnehin keine Option.

Landweg heißt nicht problemlos

Nicht jeder Import kommt über See. Wer aus der Türkei importiert, hat die Wahl: Container per Schiff oder konventioneller LKW über die Straße. Der LKW ist schneller, aber deutlich teurer. Und wer den Landweg wählt, fährt über die bulgarisch-türkische Grenze. Wenn die Bulgaren und die Türken Bummelstreik machen, stehen LKWs dort bis zu drei Tage. Diese Wartezeit bezahlt nicht der Spediteur — die bezahlt der Auftraggeber.

Grenzwartezeiten, Hafenstreiks, fehlende LKWs — die Kosten trägt nie der Spediteur. Die trägt der Importeur.

Was Sie einkalkulieren sollten

Import per Container lohnt sich in der Regel nur bei Komplettcontainern. Wer nur Teilmengen importiert, zahlt überproportional — weil die Fixkosten pro Container gleich bleiben, aber auf weniger Ware verteilt werden.

Die Gesamtkosten eines Imports bestehen nicht nur aus dem Containerpreis. Es kommen dazu: Hafenkosten, Zollabfertigung, Einfuhrumsatzsteuer, Zollgebühren, Nachlauf per LKW oder Bahn — und im Ausnahmefall Sonderkosten für Beschau, Entlüftung oder Übersetzungen. Wer nur den Containerpreis kalkuliert, kalkuliert falsch.

Kein Grund zur Panik — aber zur Planung

Import funktioniert. In den allermeisten Fällen kommt die Ware an, die Verzollung läuft, der Nachlauf klappt. Aber Sie müssen damit rechnen, dass es ein paarmal im Jahr nicht reibungslos läuft — und dass es dann schnell teuer wird. Oder dass Ihre Ware zwei Wochen später kommt als geplant und Ihre eigene Produktion steht oder Lieferzusagen nicht eingehalten werden können.

Das ist kein Grund, auf Import zu verzichten. Es ist ein Grund, das Risiko zu kennen und einzukalkulieren — finanziell und zeitlich. Und es ist ein Grund, mit einem Logistikpartner zu arbeiten, der Ihnen das vorher sagt. Nicht einer, der Ihnen einen Containerpreis schickt und davon ausgeht, dass Sie den Rest schon kennen.

Import ist kein Abenteuer. Aber es ist auch kein Amazon-Paket. Wer die Risiken kennt, kann damit umgehen.
Nächster Beitrag
Export ins Drittland
Ein anderes Verständnis von Spedition

LogistikStudio 04

Minden, Ostwestfalen

Gespräch beginnen